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Aus: Frankfurter Rundschau

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1067769


Hartz IV-Folgen Lüften erlaubt, Wohnen verboten Im sächsischen Löbau wohnen viele Hartz-IV- Empfänger in zu großen Wohnungen. Um trotzdem bleiben zu können, wird einfach ein Zimmer geräumt. VON BERNHARD HONNIGFORT

Zuzahlen oder Zimmer freimachen + Zuzahlen oder Zimmer freimachen (ap) Am Wochenende, wenn Sohn Christian mit seiner Verlobten eintrudelt, muss Betty Kahlert umräumen. Die 49-jährige Arbeitslose aus Löbau in Ostsachsen macht dann für das junge Paar das eigene große Bett frei und zieht sich zur Nacht ins Wohnzimmer zurück. "Ich muss mir dann das Gästebett aufblasen", sagt sie.

Bis zum September musste sie das nicht. Damals hatte die Ex-Lehrerin noch einen Job. Jetzt fällt sie unter Hartz IV - und das hat die seltsamen Umräumaktionen am Wochenende zur Folge: Die 81 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung schrumpfte nämlich auf drei Zimmer und 70 Quadratmeter zusammen. Die Bewohnerin musste ein Zimmer aufgeben.

Der Grund ist im Hartz-IV-Kleingedruckten zu finden: Betty Kahlert bekommt nur eine bestimmte Summe Wohn- und Heizungsgeld. Die 4-Zimmer-Wohnung kostete 436,97 Euro warm und lag über der Fördergrenze. Betty Kahlert hätte sich eine kleinere Wohnung nehmen oder den Rest über der Fördergrenze, genau 55,81 Euro, aus eigener Tasche bezahlen müssen. Das konnte sie nicht. Daraufhin schlug ihr die Löbauer Wohnungsgesellschaft einen Kniff vor: ein Zimmer ausräumen, abschließen und nicht mehr benutzen. Betty Kahlert bekommt weiterhin Mietunterstützung, muss nichts zuzahlen und bleibt in der Wohnung minus ein Zimmer. "Mir ist damit geholfen", sagt sie. "Etwas seltsam ist es trotzdem."

Kein Einzelfall

Betty Kahlert ist in Löbau kein Einzelfall. Sie ist eine von etwa 100 Mietern der Wohnungsgesellschaft, denen es genauso ergangen ist. Einmal im Monat schickt die Gesellschaft angeblich eine Mitarbeiterin durchs Viertel, um nachzuschauen, ob wirklich alle ausgemusterten Zimmer leer sind.

"Wenn es nicht so erniedrigend wäre für die Betroffenen, müsste man es eine Provinzposse nennen", meint die grüne sächsische Landtagsabgeordnete Elke Herrmann. Doch tatsächlich haben sich alle mit der kuriosen Lösung eingerichtet. Die Wohnungsgesellschaft ist heilfroh, Mieter zu behalten und die Verluste zu minimieren. Immer noch besser als Leerstand, sagt die Geschäftsführung. Rund ein Fünftel der 2400 Plattenbauwohnungen in Löbau ist unbewohnt. Die Mieter sind glücklich, bleiben zu können. Das Landratsamt, zuständig für Hartz IV, ist froh, keine teuren Umzüge zahlen zu müssen. Wohin auch: Kleinwohnungen sind Mangelware.

Außerdem richtet sich die Wirklichkeit nicht haargenau nach dem Buchstaben des Gesetzes. Es geht in Löbau das Gerücht, einige Zimmer würden durchaus noch benutzt, wenn auch nicht bezahlt.

Betty Kahlert hat im kalt gestellten Zimmer noch einen Schrank und einen Schreibtisch stehen. "Ich soll alles wegräumen, aber ich weiß nicht wohin", sagt sie. Außerdem hat man ihr einen Schlüssel für den Notfall gelassen. Es könnte ja ein Brand, Rohrbruch oder sonst etwas sein. Ab und an lässt sie frische Luft ins Zimmer, damit es nicht mufft. Es sei schon merkwürdig, sagt sie: "Lüften darf ich, wohnen nicht."

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